Die Einladung erscheint um 8:47 Uhr in meinem Kalender, zwischen einem Teammeeting und einem Anruf mit dem Lieferanten. Betreff: *Kurzgespräch — HR/Moritz Feldmann — heute, 14:00 Uhr. * Keine weiteren Angaben. Kein Raum, keine Agenda, kein Name außer meinem.
Ich starre auf den Bildschirm und lese den Betreff dreimal. Dann viermal.
„Kurzgespräch" klingt harmlos. In meiner Firma klingt aber alles harmlos, bis es das nicht mehr ist. Der Kollege vom zweiten Stock — Stefan, der immer Kuchen mitbrachte — hat seine Entlassung auch in einem „Kurzgespräch" erfahren. Das war im März. Er hatte zwölf Jahre im Unternehmen gearbeitet und jeden Freitag einen Zitronenkuchen mitgebracht, und jetzt bringt niemand mehr Kuchen mit, und alle tun so, als wäre das immer schon so gewesen.
Ich lösche den Kuchen-Gedanken. Er hilft nicht.
Es ist erst kurz vor neun. Bis zum Gespräch um vierzehn Uhr ist noch fast ein halber Arbeitstag. Das ist, so denke ich, ein sehr cleverer Zeitpunkt für eine Kalendereinladung: früh genug, dass man den ganzen Vormittag darüber nachdenkt; spät genug, dass man noch fünf Stunden normal funktionieren muss, bevor man die Antwort bekommt. Ich frage mich, ob das Absicht ist oder Zufall. Ich neige dazu, es für Absicht zu halten, aber das ist vielleicht unfair.
Ich öffne meine E-Mails. Alles wie immer: ein Bericht, der noch aussteht, zwei Anfragen von der Einkaufsabteilung, eine Nachricht von Britta, meiner Kollegin aus dem Projektteam, die fragt, ob wir uns morgen zum Mittagessen treffen können. Ich antworte ihr mit „ja gerne" und bemerke dabei, dass meine Hände nicht zittern. Das ist beruhigend. Zitternde Hände wären ein schlechtes Zeichen.
Dann fange ich trotzdem an, mir Gedanken zu machen.
Ich heiße Moritz Feldmann, bin zweiunddreißig Jahre alt und arbeite seit vier Jahren in dieser Firma — einem mittelgroßen Unternehmen für Logistik-Software, das sich selbst gerne als „dynamisch" und „zukunftsorientiert" bezeichnet. In der Praxis bedeutet das, dass die Kaffeemaschine jedes Jahr neu ist und das Gehalt meistens nicht. Mein offizieller Titel ist „Projektmanager", meine eigentliche Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass Dinge, die schief gehen könnten, nicht schief gehen — und wenn sie es doch tun, so schnell wie möglich wieder gerade zu biegen.
Ich mache das, glaube ich, ganz ordentlich. Ich arbeite Vollzeit, manchmal auch mehr. Die Überstunden häufen sich in bestimmten Phasen wie Schnee auf einem Dach an — man denkt, irgendwann gibt das nach, und dann ist das Projekt vorbei, der Abgabetermin kommt, man schläft zu wenig und isst schlecht und denkt, nach diesem Projekt wird alles besser. Dann kommt das nächste Projekt.
Das ist kein Vorwurf an irgendjemanden. So ist die Arbeit. Ich habe das gewählt, und meistens gefällt es mir wirklich. Ich mag die Arbeit. Ich mag es, wenn ein kompliziertes Problem am Ende eine Lösung hat. Was ich weniger mag, ist das Gefühl, dass man das, was man gut kann, in vier Jahren noch nicht zu einem nächsten Schritt gemacht hat.
Der Begriff „Karriere" ist in unserem Team etwas, über das man redet, ohne ernsthaft darüber zu reden. Mein Kollege Simon aus der Nachbarabteilung hat vor einem Jahr eine Führungsposition angenommen. Er arbeitet jetzt mehr und schläft schlechter — das sieht man ihm an, morgens, wenn er zum Kaffeeautomaten geht und so aussieht, als ob er die Schicht lieber noch einmal von vorne anfangen würde. Ich weiß nicht, ob ich das will. Ich weiß nicht, ob ich es nicht will. Ich weiß, dass ich seit vier Jahren dieselbe Antwort auf diese Frage habe: *Ich denke noch darüber nach. *
Das ist, aus Sicht der Personalabteilung, wahrscheinlich keine befriedigende Antwort.
Um zehn Uhr ist das Teammeeting. Wir besprechen den Stand eines laufenden Projekts, verteilen Aufgaben für die Woche, reden zehn Minuten über einen Fehler, der letzte Woche passiert ist, und zehn weitere Minuten über die Frage, ob es ein Systemfehler oder ein menschlicher Fehler war. Die Antwort ist, wie immer, ein bisschen von beidem. Ich sage wenig und notiere, was ich tun muss.
Das Teammeeting endet um 11:15 Uhr. Ich habe noch zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten.
Ich versuche zu arbeiten. Es gelingt mir teilweise. Ich schreibe an dem ausstehenden Bericht — ein Statusbericht für ein Projekt, das seit Monaten läuft und dessen Abschluss sich immer wieder verschiebt, was eigentlich bedeutet, dass es kein gutes Projekt ist, aber das steht nicht im Bericht. Ich beantworte die Anfragen aus der Einkaufsabteilung, telefoniere kurz mit einem Auftragnehmer, der eine Frage zu einem alten Vertrag hat. Zwischen diesen Tätigkeiten schaue ich immer wieder auf die Kalendereinladung. Sie ist noch da. Sie wird nicht weggehen.
Um elf Uhr dreißig fällt mir ein, dass ich noch keinen Kaffee getrunken habe. Ich gehe zur Kaffeemaschine. In der Küche steht Werner aus dem Controlling und schaut auf sein Handy. Wir grüßen uns, wir reden kurz darüber, dass das Wetter schlechter wird, wir gehen auseinander. Das ist unser übliches Verhältnis: freundlich, funktional, ohne große Tiefe. So ist es mit den meisten Kollegen hier. Man kennt das Gesicht, vielleicht den Namen, vielleicht das Projekt, an dem jemand gerade arbeitet. Was jemanden nachts wach hält, weiß man meistens nicht.
Ich trinke den Kaffee an meinem Schreibtisch und überlege, ob ich jemandem von der Kalendereinladung erzählen soll. Britta würde fragen, was ich denke. Ich weiß nicht, was ich denke. Simon aus der Nachbarabteilung würde sagen: Entlassung, auf jeden Fall Entlassung, ich hab das Gleiche erlebt. Das würde nicht helfen. Also erzähle ich es niemandem und trinke den Kaffee allein und schaue auf den Bericht, der noch fertig werden muss.
Um dreizehn Uhr esse ich mein Mittagessen an meinem Schreibtisch, weil ich nicht in die Kantine gehen will und Fragen vermeiden will. Ich esse ein Käsebrot und schaue dabei auf den Bildschirm, ohne wirklich etwas zu lesen.
Ich versuche, die möglichen Gründe für das Gespräch zu analysieren. Option eins: Entlassung. Option zwei: irgendetwas Administratives — eine neue Regelung zu Urlaubstagen, eine Änderung bei den Reisekostenabrechnungen, etwas, das mich direkt betrifft und in drei Minuten erklärt wird. Option drei: eine Beförderung oder ein anderes Angebot.
Option zwei wäre am besten, weil es das Harmloseste wäre. Option drei wäre interessant, aber ich traue ihr nicht. Option eins — nun ja. Ich habe in den letzten Jahren etwas gespart. Nicht viel: ein paar Monate Lohn, wenn ich vernünftig mit dem Geld umgehe. Nicht genug, um lange ruhig zu schlafen, aber genug, um Zeit zu haben.
Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist im Moment nicht gut, das weiß ich. Es gibt viele Menschen mit ähnlichen Qualifikationen, und manche von ihnen sind jünger oder erfahrener oder besser darin, sich in Gesprächen zu verkaufen. Das ist eine Tatsache. Man kann sie nicht wegleugnen, man kann nur entscheiden, wie viel Energie man auf das Fürchten verwendet. Ich versuche: wenig. Es gelingt mir heute: mittelmäßig.
Ich denke auch daran, dass ich seit zwei Jahren nicht mehr ernsthaft über eine Weiterbildung nachgedacht habe. Es gab immer einen Grund, warum jetzt nicht der richtige Moment war. Und jetzt, während ich ein Käsebrot esse und auf einen Kalender starre, frage ich mich, ob das ein Problem ist, das mir die Firma gerade lösen will — auf ihre eigene Art.
Um dreizehn Uhr fünfzig beginne ich, meinen Schreibtisch aufzuräumen. Ich weiß nicht, warum. Wenn es eine Entlassung wäre, bekäme ich Zeit, meine Sachen zu holen. Ich höre auf, den Schreibtisch aufzuräumen.
Um dreizehn Uhr siebenundfünfzig stehe ich auf, nehme mein Handy und ein leeres Notizbuch — ich trage immer ein leeres Notizbuch bei mir, für den Fall, dass ich etwas festhalten muss, das ich lieber nicht festhalten würde — und gehe in Richtung der Personalabteilung.
Der Korridor im vierten Stockwerk ist länger, als er sein müsste. Das hat mir jemand vor Jahren erklärt: ein alter Grundriss, ein Umbau, eine Mauer, die man nicht einreißen konnte. Das Ergebnis ist ein Gang, der von der Treppe bis zu den Büros der Personalabteilung gefühlt sehr lange dauert, auch wenn er das in Wirklichkeit nicht tut. Heute kommt er mir noch länger vor als sonst.
Ich gehe und denke. Das ist keine bewusste Entscheidung — das Denken passiert einfach, wie Gehen passiert: man macht es, ohne es zu wählen.
Ich denke an die letzten vier Jahre. Das Projekt im Herbst, das schlecht angefangen hatte und am Ende doch gut lief. Den Bericht im Januar mit dem Fehler in der Tabelle, den ich bemerkt und korrigiert hatte, bevor ihn jemand anderes sah — hoffe ich. Den neuen Auftragnehmer im Sommer, der sich beschwert hatte, dass die Kommunikation von unserer Seite nicht klar genug war. Ich hatte das als Kritik an mir aufgefasst. Vielleicht war es das. Vielleicht war es einfach seine Art, seinen eigenen Frust irgendwo abzuladen.
Ich denke: Was bedeutet es, wenn ein Unternehmen jemanden nach vier Jahren in einem „Kurzgespräch" entlässt? Bedeutet das, dass die vier Jahre nichts gezählt haben? Oder bedeutet es, dass sie gezählt haben, und trotzdem nicht genug?
Dann denke ich: Ich weiß nicht, ob ich entlassen werde. Es ist fünfzehn Minuten vor dem Gespräch. Ich sollte aufhören, Dinge zu analysieren, die ich nicht kenne.
Das gelingt mir nicht besonders gut.
Hinter mir geht eine Tür auf. Ein Kollege aus der Buchhaltung kommt heraus, nickt mir zu, geht in die andere Richtung. Wir kennen unsere Namen nicht. Das ist typisch für diese Firma: Man kennt viele Gesichter und wenige Namen, und das stört einen meistens nicht, bis man plötzlich wünscht, es wäre anders.
Vor dem Büro der Personalabteilung steht ein einzelner Stuhl. Er ist immer dort, für Besucher, die warten müssen. Ich setze mich. Die Uhr in meinem Handy zeigt: 14:01.
Ich sitze und warte. Ich versuche, nicht zu denken. Das funktioniert nicht.
Ich denke daran, was ich in dieser Firma gelernt habe. Nicht nur technisch: wie man in einem Unternehmen funktioniert, wie man Konflikte löst ohne sie direkt zu benennen, wie man eine Bitte so formuliert, dass sie wie eine eigene Idee des anderen klingt, wie man mit jemandem zusammenarbeitet, dessen Arbeitsstil einen wahnsinnig macht. Das klingt klein, wenn man es aufschreibt. Es ist es nicht. Das sind Dinge, die man in keinem Kurs lernt.
Ich denke an meinen ersten Tag hier, vor vier Jahren. Ich hatte noch keinen Schreibtisch gehabt und war zwischen Konferenzräumen gesessen und hatte versucht, schnell zu verstehen, wie die Firma funktioniert. In der ersten Woche hatte ich mehr Fehler gemacht als in jedem Monat danach. Aber ich hatte sie gemacht und gelernt, und das war, rückblickend, gut.
Ich denke: Vier Jahre ist eine lange Zeit. Und gleichzeitig ist es keine.
Ich denke: Was wäre, wenn ich kündige, bevor sie mich kündigen können? Das ist ein alberner Gedanke, aber er ist da. Ich denke ihn einmal durch und lasse ihn dann los. Er hilft nicht.
Die Tür geht auf. Frau Kellermann kommt heraus. Ich kenne sie nur flüchtig — wir waren einmal in derselben Besprechung, vor fast einem Jahr, über ein Thema, an das ich mich kaum erinnere. Sie sieht mich an, nickt einmal.
„Herr Feldmann. Kommen Sie herein."
Das Büro ist kleiner, als ich erwartet hatte. Ein Schreibtisch, zwei Stühle, ein Fenster, durch das man auf die Straße sieht, auf Autos und Fußgänger und einen Bus, der gerade hält. Das Licht ist das gewöhnliche Bürolicht. Nichts hier sieht nach einer dramatischen Kulisse aus, was beruhigend und gleichzeitig beunruhigend ist.
Frau Kellermann setzt sich. Ich setze mich ihr gegenüber. Zwischen uns liegt eine geschlossene Mappe. Ich versuche, nicht auf die Mappe zu starren.
„Danke, dass Sie kurzfristig Zeit hatten", sagt sie.
„Kein Problem", sage ich. Das ist, objektiv gesehen, nicht ganz die Wahrheit. Aber man sagt sowas.
Sie öffnet die Mappe. Ich sehe Papier, Tabellen, und etwas, das wie ein Organigramm aussieht. Das ist ein schlechtes Zeichen. Organigramme bedeuten Strukturveränderungen.
„Wir haben in den letzten Monaten die Teamstrukturen in verschiedenen Abteilungen genauer angeschaut", sagt Frau Kellermann. Ihre Stimme ist ruhig und sachlich, weder warm noch kalt — die Stimme von jemandem, der schon viele dieser Gespräche geführt hat und weiß, dass Deutlichkeit besser ist als Umwege. „Und wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es an einigen Stellen sinnvoll wäre, die Verantwortlichkeiten anders zu verteilen."
Ich höre: *Verantwortlichkeiten anders verteilen. * Ich denke: Das klingt wie eine Entlassung in einer längeren Form.
„Konkret geht es um die neue Niederlassung in Wien", sagt sie.
Ich höre das Wort Wien und denke, dass ich es falsch verstanden habe.
„Wir eröffnen im März eine Niederlassung in Österreich. Ein kleines Büro zunächst, acht bis zehn Personen, mit dem Ziel, in den nächsten zwei Jahren zu wachsen." Frau Kellermann sieht mich an. „Wir suchen jemanden, der das operative Projektmanagement dort von Anfang an aufbaut. Das bedeutet mehr Eigenverantwortung, mehr Gestaltungsmöglichkeiten — und entsprechend höheren Lohn." Sie macht eine kurze Pause. „Wir würden das gerne Ihnen anbieten."
Ich sage nichts.
„Herr Feldmann?"
„Ich verarbeite gerade", sage ich. „Einen Moment."
Frau Kellermann gibt mir den Moment. Das ist nett von ihr. Sie schaut auf die Mappe, als ob sie selbst etwas nachschlagen müsste, obwohl sie das wahrscheinlich nicht tut.
Ich denke: Wien. Ich denke: Das ist das Gegenteil von einer Entlassung. Und dann: Warum ich?
Ich frage: „Warum ich?"
Sie sieht mich an, ohne überrascht zu sein. „Weil Sie in den letzten vier Jahren eine Leistung gezeigt haben, die wir schätzen. Weil Sie in schwierigen Projektsituationen ruhig geblieben sind und nicht angefangen haben, Schuld zu verteilen. Und weil wir für diese Stelle jemanden brauchen, dem man vertrauen kann, wenn er allein entscheidet — ohne dass jemand zuschaut und sagt, ob er auf dem richtigen Weg ist." Eine kurze Pause. „Das ist seltener als man denkt."
„Aber ich habe in vier Jahren keine Führungsposition innegehabt."
„Das wissen wir." Sie sieht mich an. „Deshalb fragen wir."
Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll. Ich sage: „Danke." Das klingt etwas dünn. Aber es ist das Ehrlichste, was ich im Moment sagen kann. Ich denke an Stefan und seinen Zitronenkuchen und wie ich seit heute Morgen dachte, das hier wäre dasselbe — und ich merke, wie absurd das war. Man erwartet immer das Schlechteste und ist dann trotzdem überrascht, wenn es nicht kommt.
Frau Kellermann schiebt mir die Mappe über den Schreibtisch. Darin ist das Organigramm der neuen Niederlassung, ein Dokument mit den Bedingungen, ein grober Zeitplan. Das Kästchen für meine Stelle ist leer, mit dem Titel daneben: *Leiter Projektmanagement Wien. * Jemand hat diesen Kasten schon gezeichnet, lange bevor ich heute morgen von diesem Termin wusste. Das ist ein seltsames Gefühl.
„Zwei Wochen", sagt Frau Kellermann. „So viel Zeit haben Sie, um zu überlegen."
„Zwei Wochen", wiederhole ich. Als ob das eine Antwort wäre.
Ich gehe zurück durch den langen Korridor, jetzt in die andere Richtung. Es ist 14:22 Uhr. Ich habe noch zwanzig Minuten bis zum Anruf mit dem Lieferanten — dem Anruf, den ich heute morgen fast vergessen hatte, weil mir etwas anderes den ganzen Vormittag lang im Kopf saß.
Ich setze mich an meinen Schreibtisch. Die Mappe von Frau Kellermann liegt neben mir. Ich lege sie vor mich auf den Tisch und schaue auf das Organigramm. Leiter Projektmanagement Wien. Die Stelle sieht größer aus als das, was ich jetzt tue. Sie ist es wahrscheinlich auch.
Ich lösche die Kalendereinladung aus dem Kalender, weil sie erledigt ist. Dann starre ich auf das leere Feld, das übrig bleibt.
Wien.
Ich versuche, sachlich zu denken. Was wäre das Vernünftige? Das Angebot ist gut — das Gehalt ist deutlich höher als jetzt, die Aufgabe wäre interessanter, es wäre ein echter Schritt nach vorne nach vier Jahren Stillstand. Das würde jeder sagen, dem ich davon erzähle: *Mach das. Natürlich machst du das. *
Und trotzdem sitze ich da und starre auf den leeren Kalender und denke: Ich lebe seit sechs Jahren in Hamburg. Ich kenne meine Nachbarschaft. Ich kenne den Bäcker, bei dem ich samstags einkaufe, und das Kino, das noch Schwarz-Weiß-Filme zeigt, und den Park, durch den ich jogge, wenn es mir zu viel wird. Das klingt nach wenig. Aber das ist auch etwas.
Und ich denke an das, was Frau Kellermann gesagt hat: *Sie haben die Eigenschaft, gut zu entscheiden, auch wenn niemand zuschaut. * Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich weiß nicht, ob ich das in vier Jahren je wirklich bewiesen habe oder ob es nur so aussah. Aber ich weiß, dass es sich seltsam gut anfühlt, es gesagt zu bekommen. Manchmal ist das Gefühl selbst auch eine Information.
Ich denke außerdem: Wien liegt nicht weit von Hamburg. Man kann in zweieinhalb Stunden fliegen. Man kann an Wochenenden zurückkommen. Das ist keine Entscheidung für immer, auch wenn sie sich so anfühlt.
Das Gespräch mit dem Lieferanten läuft gut. Ich bin konzentriert, ich löse ein Problem, das seit Wochen offen war, und am Ende sagt der Mann am anderen Ende: „Das ist genau, was wir gebraucht haben." Ich lege auf und sitze eine Weile ruhig da. Nicht wegen Wien. Nicht wegen Frau Kellermann. Nur weil es schön ist, wenn etwas klappt.
Um achtzehn Uhr packe ich den Rucksack, schalte den Computer aus und gehe in Richtung Aufzug. Im Korridor begegne ich Britta, die auch gerade Feierabend macht.
„Wie war dein Tag?", fragt sie. Sie hat die Fähigkeit, Fragen so zu stellen, dass sie wie gewöhnliche Fragen klingen, aber nicht sind.
„Interessant", sage ich.
Sie wartet. Britta ist gut darin, zu warten.
„Ich erzähl dir morgen beim Mittagessen", sage ich. „Es ist eine längere Geschichte."
Sie nickt, als wäre das eine akzeptable Antwort. „Bis morgen."
Im Aufzug allein halte ich die Mappe von Frau Kellermann fest. Zwei Wochen. Vierzehn Tage. Ich könnte die Zeit nutzen, um Listen zu machen: Pro und Contra, Hamburg gegen Wien, sicher gegen unsicher. Das wäre vernünftig.
Draußen ist es schon dunkel, obwohl es erst kurz nach sechs ist. Der Herbst kommt früh dieses Jahr. Ich gehe zur Haltestelle und denke, ohne es zu wollen, an Wien. An das Kaffeehaus, in dem ich vor drei Jahren gesessen hatte, mit einem Buch, das ich kaum gelesen hatte, weil es schöner war, durch das Fenster zu schauen. An die alten Gebäude, die Straßenbahn, das ruhige Gefühl einer Stadt, die weiß, was sie ist.
Damals hatte ich gedacht: Hier könnte man leben. Und dann war ich nach Hamburg zurückgeflogen und hatte nicht mehr daran gedacht.
Bis jetzt.
Ich steige in die Bahn. Neben mir sitzt jemand, der schläft, die Schultern gegen das Fenster gelehnt, den Mund leicht geöffnet. Jemand anderes schaut auf sein Handy, tippt etwas, lacht kurz, tippt weiter. Jemand liest ein Buch, die Art Mensch, die noch Bücher in der Bahn liest. Die Stadt zieht vorbei, Straße um Straße, die ich kenne, weil ich sie seit sechs Jahren jeden Tag sehe.
Ich halte die Mappe auf dem Schoß. Darin ist das Organigramm, das Dokument mit den Bedingungen, die Zahl, die mir Frau Kellermann genannt hat. Ich habe die Zahl inzwischen dreimal nachgerechnet — nicht weil ich ihr nicht traue, sondern weil Zahlen, die man dreimal nachrechnet, realer werden. Es stimmt. Es ist ein deutlicher Unterschied zu jetzt.
Aber ich denke auch an das Gespräch mit dem Lieferanten heute Nachmittag. An das Gefühl, wenn etwas klappt. An Britta, die sagt: „Wie war dein Tag?" und die Antwort schon kennt, bevor man sie gibt. An Werner aus dem Controlling, mit dem man über das Wetter redet und nicht mehr. An Stefan, der nicht mehr da ist.
Ich denke: Was hält mich hier fest, und was davon ist wirklich wichtig?
Das ist eine Frage, die ich mir in vier Jahren nie gestellt habe. Nicht weil ich sie nicht hätte stellen können — sondern weil es immer einen Grund gab, warum jetzt nicht der richtige Moment dafür war. Das Projekt. Die Aufgabe. Die Routine. Jetzt sitze ich in der Bahn, die Mappe auf dem Schoß, und habe vierzehn Tage.
Ich öffne das Notizbuch, das ich mitgenommen hatte — das leere Notizbuch, in das ich in solchen Momenten schreibe. Ich schreibe ganz oben auf die erste Seite: *Wien? * Darunter zwei Spalten. Pro und Contra. Ich fange an zu schreiben und merke sehr schnell, dass die Pro-Spalte länger wird als die Contra-Spalte. Das erstaunt mich ein bisschen. Ich hätte nicht gedacht, dass es so eindeutig ist.
Vielleicht hatte ich es nur noch nie aufgeschrieben.
Draußen ist es schon dunkel, obwohl es erst kurz nach sechs ist. Der Herbst kommt früh dieses Jahr. Meine Haltestelle kommt in drei Minuten. Ich klappe das Notizbuch zu, nicht weil ich fertig bin, sondern weil drei Minuten nicht genug Zeit sind, um fertig zu sein. Ich werde es heute Abend weiterführen. Und morgen. Und übermorgen. Vierzehn Tage ist eigentlich mehr Zeit, als man denkt — wenn man sie wirklich benutzt.