Eine Katze sitzt auf dem Balkon. Ich kenne die Katze nicht.
Die Katze ist grau. Sie ist klein. Sie sieht mich an.
"Wer bist du?", frage ich.
Die Katze sagt nichts. Katzen sagen nichts. Das ist gut. Menschen reden zu viel.
Es ist Abend. Ich bin müde. Aber jetzt bin ich nicht allein.
"Hallo", sage ich. "Du bist neu."
Die Katze kommt näher. Ich gebe ihr Milch. Die Milch ist warm.
Die Katze trinkt. Dann ist sie weg.
*
Ich heiße Jule. Ich arbeite viel.
Ich komme spät nach Hause. Die Wohnung ist klein und still.
Ich trinke Tee. Ich rede mit niemandem.
So ist mein Abend. Jeden Tag.
Aber jetzt ist die Katze da.
*
Am nächsten Tag komme ich nach Hause.
Ich mache das Fenster auf. Und die Katze ist wieder da.
Die Katze kommt wieder.
"Hallo", sage ich. "Du bist es."
Ich gebe ihr Milch. Aber sie trinkt nur wenig.
Das ist komisch. Die Katze ist nicht dünn.
Hat die Katze noch ein Zuhause? Ich weiß nicht.
Aber sie kommt zu mir. Das ist schön.
*
Wo wohnt die Katze? Niemand weiß es.
"Ist das deine Katze?", frage ich die Frau im Laden.
"Nein", sagt die Frau. "Ich habe keine Katze."
"Ist das deine Katze?", frage ich den Mann an der Haltestelle.
"Nein", sagt der Mann. "Aber frag oben. Da wohnt ein neuer Mann."
Ein neuer Mann? Ich kenne ihn nicht.
Ich wohne lange hier. Aber ich kenne die Leute nicht.
Wer wohnt oben? Ich weiß es nicht.
Ich gehe nach Hause. Und die Katze kommt wieder.
*
Die Katze hat keinen Namen. Ich nenne sie Grau.
"Hallo, Grau", sage ich. "Bist du wieder da?"
Grau sitzt auf dem Balkon. Grau hört zu.
Ich rede über die Arbeit. Ich rede über den Tag.
Eine Katze ist gut. Eine Katze fragt nichts.
*
Es ist Abend. Es regnet. Es ist kalt.
Grau sitzt am Fenster. Grau ist nass.
"Komm rein", sage ich. "Komm rein, kleine Katze."
Grau kommt rein. Sie geht langsam durch die Wohnung.
Dann sitzt sie auf dem Stuhl. Der Stuhl ist warm.
Grau macht die Augen zu. Sie schläft.
Ich sehe sie an. Mein Tag ist auf einmal gut.
*
Jetzt kommt Grau jeden Abend.
Ich warte am Fenster. Ich warte auf die Katze.
"Komm, Grau", sage ich. "Komm, kleine Katze."
Und Grau kommt. Immer kommt sie.
Sie sitzt bei mir. Ich rede, und sie hört zu.
Die Wohnung ist nicht mehr so still.
*
Es ist Samstag. Ich arbeite nicht.
Ich bleibe zu Hause. Grau ist auch da.
"Was machen wir heute?", frage ich. "Nichts. Wir machen nichts."
Grau sitzt am Fenster. Ich trinke Tee. Es ist warm.
Ich lese ein Buch. Grau sieht den Regen. Der Regen ist leise.
Die Stunden sind lang. Aber sie sind gut.
Ich rede nicht viel. Grau hört zu. Das ist genug.
"Schön, oder?", sage ich. "Du und ich. Und der Tee."
Grau sagt nichts. Aber Grau bleibt. Den ganzen Tag.
Am Abend gebe ich ihr Milch. Grau trinkt wenig.
"Du frisst so wenig", sage ich. "Bist du satt?"
Grau schnurrt. Dann macht sie die Augen zu.
Ich sehe die Katze an. Sie ist so klein. Sie ist so ruhig.
"Gute Nacht, Grau", sage ich leise. "Schlaf gut, kleine Katze."
*
Aber am nächsten Abend kommt Grau nicht.
Ich mache das Fenster auf. Ich warte.
Der Balkon ist leer. Kein Grau. Keine Katze.
"Grau?", rufe ich. "Wo bist du?"
Niemand kommt. Die Nacht ist kalt und lang.
Ich kann nicht schlafen. Ist Grau weg? Ist Grau krank?
Ich bin wieder allein. Und das tut weh.
*
Am Morgen sehe ich auf den Balkon. Kein Grau.
Ich gehe zur Arbeit. Aber ich denke nur an die Katze.
Der Tag ist sehr lang.
Ich komme nach Hause. Ich mache das Fenster auf. Langsam.
Und da ist sie. Grau sitzt auf dem Balkon.
"Grau!", rufe ich. "Du bist wieder da!"
Die Katze schnurrt. Ich lache. Ich bin so froh.
*
Es ist Abend. Ich höre eine Stimme. Von oben.
"Mimi! Mimi! Wo bist du?"
Grau hört die Stimme. Grau sieht nach oben.
Ich sehe auch nach oben. Ein Mann steht am Fenster.
Der Mann wohnt oben. Ist das der neue Mann?
"Hallo", rufe ich. "Suchst du eine Katze?"
"Ja", sagt der Mann. "Meine Katze ist weg. Sie heißt Mimi."
Ich sehe Grau an. Grau sieht mich an.
"Eine Katze ist hier", sage ich langsam. "Komm runter."
*
Der Mann kommt runter. Er klopft an die Tür.
Ich mache die Tür auf.
Der Mann ist nicht alt. Er ist nicht jung. Er ist freundlich.
"Hallo", sagt er. "Ich heiße Mats. Ich wohne oben."
"Ich heiße Jule", sage ich. "Komm rein."
Mats kommt rein. Er sieht die Katze.
"Mimi!", sagt er. "Da bist du."
Aber Grau geht nicht zu Mats. Grau bleibt bei mir.
*
"Das ist komisch", sagt Mats. "Mimi geht nicht zu mir."
"Wie lange hast du Mimi?", frage ich.
"Zwei Wochen", sagt Mats. "Sie kommt von der Straße."
"Bei mir auch", sage ich. "Sie kommt auf den Balkon."
"Du sagst Mimi", sage ich dann. "Ich sage Grau."
Mats lacht. "Eine Katze. Zwei Namen. Zwei Häuser."
Jetzt weiß ich es. Grau frisst bei mir wenig. Grau frisst auch oben.
Die Katze hat zwei Zuhause. Die ganze Zeit.
*
Mats sieht die Katze an. Dann sieht er mich an.
"Mimi ist meine Katze", sagt er. "Ich nehme sie mit nach oben."
Ich bin traurig. Ich sage nichts. Ich bin still.
Ich will Grau nicht verlieren. Aber ich sage es nicht.
Mats sieht mein Gesicht. Er wartet.
Dann macht Grau etwas. Sie geht von Mats zu mir. Und wieder zu Mats.
"Nein", sagt Mats langsam. "Mimi will das nicht."
"Grau will das nicht", sage ich leise.
*
"Was machen wir jetzt?", frage ich.
Mats denkt. Dann lacht er.
"Mimi bleibt oben und unten", sagt er. "Eine Katze für zwei."
"Das geht?", frage ich.
"Das geht", sagt Mats. "Mimi macht das schon lange. Wir wissen es nur jetzt."
Ich lache auch. Ja. Das ist gut.
Grau schnurrt zwischen uns. Grau ist glücklich.
*
Wir sitzen da. Grau liegt auf dem Stuhl.
"Wohnst du lange hier?", frage ich.
"Nein", sagt Mats. "Drei Wochen. Ich kenne niemanden."
"Ich wohne lange hier", sage ich. "Aber ich kenne auch niemanden."
Mats sieht mich an. "Das ist komisch", sagt er. "Du bist unten. Ich bin oben."
"Und wir reden nie", sage ich.
"Nur jetzt", sagt Mats. "Die Katze ist da."
Wir lachen. Grau schläft.
*
Mats steht auf. Es ist spät.
"Ich gehe", sagt er. "Du bist müde."
Aber ich will nicht allein sein. Nicht jetzt.
Mats geht zur Tür. Dann bleibt er stehen.
"Jule", sagt er. "Trinkst du morgen einen Kaffee? Mit mir?"
Ich sehe ihn an. Ich bin nervös. Aber ich bin froh.
"Ja", sage ich. "Gern."
Mats lacht. Dann geht er nach oben.
*
Ich höre seine Schritte. Über mir.
Dann ist es still.
Grau sitzt auf dem Stuhl. Sie sieht mich an.
"Du machst das mit Plan", sage ich. "Oder?"
Die Katze schnurrt. Sie sagt nichts.
Eine kleine, graue Katze. Mit einem großen Plan.
Ich mache das Fenster auf. Die Luft ist kalt.
Aber ich bin nicht mehr allein. Da oben wohnt Mats. Und hier unten wohne ich.
Morgen trinke ich einen Kaffee. Mit Mats.
Und Grau? Grau kommt wieder. Jeden Tag. Oben und unten.